Erzählen als kulturelle Praxis: Identitäten, Erinnerungen, Gedächtnisse

Flyer zum Workshop am 29.11.2016

Workshop am 29. November 2016 am Institut für Bildungswissenschaft

Wie werden ethnische, kulturelle und nationale Identitäten geschaffen? Welche Erzählungen der Vergangenheit und Gegenwart spielen dabei eine Rolle? Wir wollen diesen Fragen in einem Workshop nachgehen, in dem erzählt wird, Erzählungen dargestellt werden, Geschichten hinter den Erzählungen thematisiert werden.

Aus bildungswissenschaftlicher Perspektive sind sowohl die Formen wie auch die Inhalte der Erzählungen der Vergangenheit zentral: In Prozessen der Bildung/Erziehung werden Narrative der Vergangenheit verknüpft mit Fragen der Zukunftsgestaltung – welche Vergangenheit bzw. in welcher Form Vergangenheit dabei herangezogen wird, ist konstitutiv für die gegenwärtige kulturelle Gestalt des gemeinsamen Lebens und für einen Entwurf des zukünftigen. Wie positionieren wir uns also zu Geschehnissen, welche Erzählungen generieren wir daraus und wie entwerfen wir damit ein gegenwärtiges Miteinander?

Flyer Detoxing Narratives

Projektidee

Geschichten und Erzählungen sind grundlegender Teil von Gruppen, Gemeinschaften und Gesellschaften. Die Möglichkeit des gemeinsamen Bezugs auf Erlebtes, auf Erfahrungen und Geschehnisse, die als wichtig empfunden oder als zentral erklärt werden, lässt eine Idee geteilter Geschichte entstehen, die für die Konstitution von Gruppen und Gemeinschaften zentral ist. Viele der Geschichten und Erzählungen werden im Zusammenleben weitergegeben, ohne dass eine Reflexion darüber stattfindet, vielmehr wird von einem gemeinsamen Kulturgut ausgegangen. Die Selbstverständlichkeit solcher Bezugspunkte und Weitergaben wird genau dort aufgehoben, wo die Möglichkeit des gemeinsamen Bezugs als nicht gegeben gesetzt wird.

Nicht möglich scheint der gemeinsame Bezug einerseits, wenn ein teilnehmendes Hineinwachsen in das kulturelle Umfeld nicht gegeben war, d.h. wenn jemand Fremdes als „Neuankömmling“ in die Gemeinschaft eintritt. Zweitens wird für einen gemeinsamen Bezug häufig ein hohes sprachliches Vermögen und intellektuelles/rationales Erfassen der Geschichten und Erzählungen vorausgesetzt. Diese Zuschreibung schließt einerseits all jene aus, die eine Sprachbarriere vorfinden; ausgeschlossen werden damit häufig zugleich Menschen mit „intellektuellen Beeinträchtigungen“, denen das Vermögen, Geschichten zu begreifen und zu reproduzieren abgesprochen wird.

Die Idee des Projekts setzt an zwei Punkten an: Es wird erstens  davon ausgegangen, dass der Korpus der Geschichten und Erzählungen, auf den gemeinsam Bezug genommen werden kann, nicht allein in der Wiederaufnahme von Tradiertem besteht. Vielmehr werden im Zusammenleben zwar Bezüge auf tradierte Elemente genommen, diese werden jedoch in einem aktiven Miteinander mit aktuellen Ereignissen, neuen Erlebnissen, Erfahrungen und anderen Geschichten verbunden. Die Auffassung von Geschichten und Erzählungen einer Gemeinschaft als ständig performte Wieder- und Neuaufführung ermöglicht, Neuankömmlinge in die Produktion von gemeinsamen Bezugsmöglichkeiten einzubeziehen, Geschichten und Erzählungen zu teilen, zu vervielfältigen und anders zugänglich zu machen.

Der zweite Ansatzpunkt ist die Frage, wie diese Geschichten und Erzählungen weitergegeben, erzählt, aufgeführt werden. Gelöst von der Abstraktion des Schriftlichen, eines vermeintlich notwendigen hohen Sprach- und Reflexionsniveaus für Erfassen und Tradieren ermöglichen vielfältige performative Formen der Auseinandersetzung und Aufführung der Geschichten die Partizipation am gemeinsamen „Erzählen“ in inklusiver Form jenseits von Sprachgrenzen oder Diskussionen um intellektuelle Fähigkeiten.